Retinoblastom: Diagnose
Was ist ein Retinoblastom?
Das Retinoblastom ist der häufigste im Auge auftretende (intraokulare)
Tumor im Kindesalter mit einer
Häufigkeit von einem betroffenen Kind auf etwa 18.000 Lebendgeburten.
In absoluten Zahlen tritt der Tumor nur selten auf (in Deutschland
ca. 60 Fälle/Jahr). Es handelt sich um einen bösartigen
(malignen) Tumor, der von genetisch veränderten unreifen Netzhautzellen
(Retinoblasten) ausgeht und unbehandelt zum Tod führt. Gleichzeitig
ist es einer der wenigen heilbaren bösartigen Krebserkrankungen:
Frühzeitig erkannt und therapiert überleben mehr als 95
% der Patienten. Wenn nur ein Auge betroffen ist, spricht man von
einem unilateralen (einseitigen) Retinoblastom. Dies betrifft etwa
2/3 bis 3/4 der erkrankten Kinder. Sind beide Augen erkrankt, handelt
es sich um ein bilaterales (beidseitiges) Retinoblastom.
Im Folgenden möchten wir einen kurzen Überblick über
die Symptome, Diagnostik und Behandlung des Retinoblastoms geben
sowie auf die Erblichkeit dieser Erkrankung eingehen. Zum besseren
Verständnis wird zunächst der Aufbau des Auges erklärt.
Der individuelle Therapieplan wird in Abhängigkeit des erhobenen
Befundes und der jeweiligen Gesamtsituation nach einem persönlichen
Gespräch erstellt.
Klinik des Retinoblastoms
Das Retinoblastom entsteht in der Netzhaut und kann sich in verschiedene
Richtungen ausbreiten. Bei einem Wachstum in Richtung des Glaskörpers
(endophytisch) können sich Tumorzellen von der Oberfläche
lösen und im Glaskörperraum schweben. In diesem Fall spricht
man von einer Glaskörperaussaat des Tumors. Siedeln sich die
abgelösten Tumoranteile an einer anderen Stelle der Netzhaut
an, so entstehen intraokulare Absiedlungen. Dadurch kann das Bild
mehrerer Tumore (multifokal) vorgetäuscht werden, obwohl es
sich um einen einzelnen (solitären) Tumor handelt. Infolge
der Glaskörperaussaat kann auch der vordere Augenabschnitt
mitbeteiligt sein.
Bei einem Wachstum in Richtung Aderhaut (exophytisch) tritt oft
eine Netzhautablösung auf. Sich ablösende Tumoranteile
führen zu einer Absiedlung unter die Netzhaut (subretinal).
Es besteht eine erhöhte Gefahr für einen Einbruch (Infiltration)
des Tumors in die Aderhaut, und in sehr fortgeschrittenen Fällen
kann auch die Lederhaut durchwachsen werden und so zu einer Infiltration
der Augenhöhle führen.
Die Ausbreitung des Tumors entlang des Sehnerven führt zu
einer Mitbeteiligung der Gehirnstrukturen, Hirnhaut und Liquorräume
(Hirnwasser). Durch einen Einbruch in das Gefäßsystem
der Aderhaut kann es zu Metastasen im Knochenmark, Knochen, Lymphknoten
und Leber kommen. Die regionalen Lymphknoten werden über
einen Einbruch des Tumors in das vordere Augensegment sowie die
Augenhöhle erreicht. Grundsätzlich kann das Retinoblastom
infolge eines kontinuierlichen Wachstums jede Struktur des Auges
infiltrieren.
Das Auftreten von Gefäßneubildungen in der Iris, das
Absinken von in der Vorderkammer schwimmenden Tumorzellen, eine
begleitende Entzündung der Augenhöhle (orbitale Zellulitis)
oder ein erhöhter Augeninnendruck (Sekundärglaukom)
kann die Diagnose erschweren.
In einem Drittel der Fälle tritt das Retinoblastom in beiden
Augen auf (bilateral). Hierbei handelt es sich nicht um ein Tumorwachstum
von dem einen in das andere Auge, sondern um einen weiteren Tumor,
der nicht zeitgleich auftreten muß. So können zunächst
einseitige Erkrankungen im weiteren Verlauf bilateral werden.
Es können sich auch in einem Auge mehrere, unabhängig
voneinander entstandene Tumoren entwickeln (multifokal).
Retinom
Mit dieser Bezeichnung ist ein spontan zurückgebildetes Retinoblastom
gemeint, welches meist als Zufallsbefund in 1-2 % bei der Untersuchung
nicht erkrankter Verwandter von an Retinoblastom erkrankten Kindern
zu finden ist. Es tritt nicht im Kindesalter auf und weist maligne
Wachstumstendenz auf. Klinisch erscheint dieser Tumor wie ein Retinoblastom
im Rückbildungsstadium nach Strahlentherapie. Eine Behandlung
ist nicht erforderlich, jedoch sind regelmäßige, lebenslange
Kontrollen wie bei einem behandelten Retinoblastom notwendig, da
vitale (lebende) und potentiell wachstumsfähige Tumorzellen
vorliegen. Genetisch verhält sich das Retinom wie ein echtes
Retinoblastom mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen in der
genetischen Beratung.
Trilaterales Retinoblastom
Man versteht darunter die sehr seltene Kombination eines erblichen
Retinoblastoms mit einem Hirntumor im Bereich der Mittellinie. Es
handelt sich hierbei nicht um Metastasen, sondern um einen selbständig
wachsenden Tumor, der histologisch (feingeweblich) der Struktur
des Retinoblastoms ähnelt. Die Manifestation erfolgt meist
gleichzeitig mit dem Retinoblastom, die Prognose ist jedoch nicht
gut.
Wie erkennt man ein Retinoblastom? (Symptome
und Diagnose)
Der Tumor tritt praktisch immer vor dem 5. Lebensjahr auf, da das
Retinoblastomwachstum nur von unreifen Netzhautzellen ausgehen kann.
Das durchschnittliche Alter bei der Diagnosestellung beträgt
bei den einseitigen Retinoblastomen etwa 23 Monate und liegt bei
den beidseitigen Retinoblastomen bei ca. 12 Monaten. Etwa 10 % der
Retinoblastome sind bereits bei der Geburt nachweisbar, knapp die
Hälfte im ersten Lebensjahr. In unserer Klinik wurden 90 %
der Fälle vor einem Alter von 3 Jahren diagnostiziert.
Da der Tumor in einem äußerlich unveränderten
Auge bei Säuglingen und Kleinkindern wächst, kann er
über längere Zeit symptomlos bleiben. Die (einseitige)
Beeinträchtigung des Sehvermögens der kleinen Kinder
wird meist erst durch eine Schielstellung (in 25 %) bemerkt. Das
häufigste Erstsymptom ist eine bei bestimmten Beleuchtungsverhältnissen
weiß erscheinende Pupille, die wie ein Katzenauge wirkt
und meist auf Photos auffällt (Leukokorie) im Gegensatz zu
einer rot aufleuchtenden oder schwarz erscheinenden Pupille. Seltener
fällt ein erhöhter Augeninnendruck, ein schmerzhaftes
rotes Auge, eine Sehverschlechterung, Entzündung der Augenhöhle
oder einer Pupillenveränderung auf.
Da in den meisten Fällen die ersten Symptome von den Eltern
bemerkt werden, kommt dem erstkonsultierten Kinder- oder Augenarzt
eine Schlüsselfunktion zu; er muß an einen seltenen,
das Sehvermögen und das Leben bedrohenden Tumor denken, dem
er bisher möglicherweise noch nie begegnet ist.
Deutliche Warnzeichen liegen vor
- wenn eine oder beide Pupillen erweitert oder weißlich-gelb
gefärbt sind (Leukokorie)
- wenn ein Auge gerötet ist und schmerzt
- bei Schielen oder einer Sehstörung
Zur Diagnosestellung muß immer eine Augenspiegeluntersuchung
(Ophthalmoskopie) in Narkose bei maximal erweiterter Pupille (Mydriasis)
durchgeführt werden sowie eine Ultraschalluntersuchung. Bei
ungehindertem Einblick auf den Augenhintergrund kann der erfahrene
Augenarzt die Diagnose eines Retinoblastoms anhand der charakteristischen
Erscheinung meist ohne Zusatzdiagnostik stellen und von anderen,
gutartigen Erkrankungen abgrenzen.
Abb.: Typisches, unterhalb und überhalb der Netzhaut
wachsendes Retinoblastom im Bereich des hinteren Augenpols
unter Einbeziehung des Netzhautzentrums (
Makula)