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Erkrankungen der Augenoberfläche
Sprechstunde "Trockenes Auge und Erkrankungen der Augenoberfläche":
Freitag 8:00 - 15:30
Terminvereinbarung (Sekretariat der Poliklinik):
Tel.: 0201 - 723 - 2900
Fax: 0201 - 723 - 5917
Leiter:
Prof. Dr. med. Daniel Meller, FEBO
Funktion und Aufbau der Augenoberfläche
- Die Augenoberfläche besteht aus der Hornhaut, der Bindehaut,
dem Limbus (*Sternchen, Abb.1) am Übergang zwischen
Horn- und Bindehaut und den Augenanhangsgebilden wie Tränendrüse,
akzessorischen Drüsen und Augenlidern.
- Der Limbus als anatomische Grenze zwischen Bindehaut und
Hornhaut stellt funktionell eine Barriere für das Bindehautgewebe
dar. Am Limbus sind in den Vogt'schen Palisaden die Epithelvorläuferzellen
(Stammzellen) der Hornhaut lokalisiert, die die einzige Regenerationsquelle
des Hornhautepithels (äußere Zellschicht) darstellen.
Abb.1 Aufbau der Augenoberfläche
- Nur das Zusammenspiel dieser verschiedenen Systeme bei der
Benetzung und Versorgung der Strukturen ermöglicht eine
glatte, transparente Hornhaut und eine reizfreie Bindehaut.
Ein stabiler Tränenfilm nimmt hier eine Schlüsselrolle
ein und sichert bei geöffnetem Auge die Integrität
der Augenoberfläche.
- Die Tränenfilmstabilität wird durch strukturelle
und hydrodynamische Elemente der verschiedenen Gewebe und Drüsen
der Augenoberfläche bestimmt. Diese wiederum werden durch
einen neuronalen Reflexbogen kontrolliert.
- Die Sehqualität als Alltagsfunktion in wechselnder Umgebung
(Kälte, Wind, klimatisierte Räume) hängt entscheidend
von der Funktion der Augenoberfläche ab.
Erkrankungen der Augenoberfläche
- Das trockene Auge ist eine der häufigsten Erkrankung
der Augenoberfläche. Hier stellt die Dysfunktion der neuronalen
Steuerung der strukturellen und hydrodynamischen Elemente des
Tränenfilmes ist eine wesentliche Ursache dar.
- Neben dem trockenen Auge können Erkrankungen der Augenoberfläche
durch mechanische, thermische oder chemische Verletzungen, vernarbende
Erkrankungen, trophischen Störungen, Infektionen, Tumore
und deren Behandlungsfolgen, Pterygien oder chronische Entzündungen
bedingt sein.
- Die Folgen können unter anderem Wundheilungsstörungen
(persistierende Epitheldefekte), Geschwürsbildung und drohende
Narbenbildung auf sonst transparentem Hornhautgewebe sein, die
somit das Sehvermögen massiv beeinträchtigen können.
Verlust der Integrität der Augenoberfläche
- Zwei wesentliche morphologische Veränderungen lassen
sich beim Zusammenbruch der Integrität der Augenoberfläche
unterscheiden:
-
Stammzellimsuffizienz des Limbus: Das
Hornhautepithel wird typischerweise durch vorwachsendes Bindehautepithel
ersetzt.
-
Squamöse Metaplasie: Das Schleimhautgewebe der Horn- und/oder
Bindehaut nimmt einen hautähnlichen Charakter mit verstärkter
Verhornung an.
Stammzellinsuffizienz der Hornhaut (Limbus)
- Erkrankungen wie z.B. das Stevens-Johnson Syndrom, das okuläre
Narbenpemphigoid, Verätzungen und Verbrennungen, Kontaktlinsen-induzierte
Keratopathien, oder multiple chirurgische Eingriffe am Limbus führen
in der Regel zum Zusammenbruch der Integrität der Augenoberfläche.
Dieser ist mit einem Gefäßneubildungen, chronischer Entzündung
und Transparenzverlust der Hornhaut verbunden. Bei allen derartigen
Erkrankungen stellt der Verlust der Stammzellpopulation im Limbus
ein charakteristisches Merkmal dar (Abb. 2).
- Patienten mit einer Stammzellinsuffizienz des Limbus beklagen
häufig eine verminderte Sehschärfe und eine erhöhte
Blendempfindlichkeit.
Abb.2 Limbusinsuffizienz mit kompletter Vernarbung
der Hornhaut nach Verätzung
- Das Vorwachsen der Bindehaut auf die Hornhautoberfläche, auch Konjunktivalisierung genannt, wird mit Hilfe der Impressionszytologie sicher nachgewiesen (Abb.3).
Abb.3 Impressionszytologie der Horn- und Bindehaut
- Eine alleinige Hornhauttransplantation wäre in diesen Fällen
kontraindiziert, da die fehlenden Stammzellen des Limbus nicht
mittransplantiert werden können.
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Tabelle 1:
Erkrankungen, die mit einer Stammzellinsuffizienz des Limbus einhergehen können |
Pathogenese
Klinische Diagnose | | | | I. Angeboren: | | a. Aniridie | | b. Keratitis mit multipler endokriner Insuffizienz | | c. Epidermale Dysplasie | | | | II. Erworben | | a. Verätzungen oder Verbrennungen | | b. Stevens Johnson Syndrom | | c. Okuläres Narbenpemphigoid | | d. Kontakt-linsen induzierte Keratopathie | | e. Schwere den Limbus einschließende mikrobielle Infektionen | | f. Behandlung mit Antimetaboliten (5-FU, MMC) | | g. Radioaktive Bestrahlung | | h. Chronische Limbitis | | i. Periphere ulzerative Keratitis (Ulkus Mooren) | | j. Neurotrophe Keratopathie | | k. Pterygium | | l. Multiple Eingriffe (Kryokoagulationen) am Limbus | | m. Idiopathisch (Ursache unbekannt) |
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Rekonstruktion der Augenoberfläche
Amnionmembrantransplantation
Definition
- Die Amnionmembran (AM) bildet die innerste, dem Fetus zugewandte
Schicht der Plazenta. Ihr Aufbau ist durch ein gefäßloses Stroma,
eine relativ dicke Basalmembran und ein einschichtiges Epithel gekennzeichnet.
Abb.4 Mikroskopischer Schnitt durch die Plazenta
Gewinnung der Amnionmembran
- Die Amnionmembran wird nach Zustimmung der Spenderin und Ausschluss von allgemeinen Infektionserregern für die Präparation unter sterilen Bedingungen in unserer Hornhautbank freigegeben.
-
Die Amnionmembran wird bis zur klinischen Verwendung mittels eines bestimmten Mediums bei -80° C konserviert.
Abb.5 Präparation der Amnionmembran unter sterilen Bedingungen
Historischer Rückblick
- Erstbeschreibung in der Augenheilkunde durch De Rotth im Jahre 1940, der frische Amnionmembran mit Chorion zur Behandlung von Narben der Bindehaut verwendete, aber nur mit mäßigem Erfolg.
- 1946/47 verwendeten Sorsby und seine Mitarbeiter getrocknete und chemisch aufgearbeitete Amnionmembran zur Behandlung von akuten Verätzungen.
- 1995 Einführung der Gefrierkonservierung der Amnionmembran mittels eines speziellen Mediums durch Kim und Tseng. Diese neue Art der Konservierung ermöglichte erstmalig den Erhalt der biologischen Eigenschaften der Amnionmembran.
- 1995-heute Zahlreiche Publikationen zur Amnionmembrantransplantation und dessen Anwendung in der Augenheilkunde wurden seitdem veröffentlicht.
Biologische Eigenschaften der Amnionmembran
- Die speziellen Eigenschaften der Basalmembran prädestinieren die Amnionmembran als Substrat für Wundheilung und zelluläre Regeneration.
Wirkmechanismen
I. Amnionmembran als Basalmembranersatz
- Erleichtert die Migration von Epithelzellen
-
Unterstützt die Zelladhäsion
-
Fördert die Differenzierung von basalen Epithelzellen
-
Verhindert die Apoptose (programmierter Zelltod) von Epithelzellen
Tabelle 2: Die Basalmembranen der Amnionmembran, der Horn- und Bindehaut
weisen Strukturähnlichkeiten auf, weshalb die Amnionmembran als
Basalmembranersatz ein ideales Substrat darstellt.
II. Anti-inflammatorische Effekte der Amnionmembran
- Das Stroma der Amnionmembran enthält
- Wachstumsfaktoren
- Anti-inflammatorische Proteine
- Inhibitoren von Enzymen (Proteasen)
- Fördert die Apoptose von Entzündungszellen
III. Amnionmembran zur Hemmung der Narbenbildung
- Suppression des TGF- β Signalweges und der Differenzierung
von narbenbildenden Zellen.
- Reduziert Hornhautnarbenbildung nach Excimerlaserbehandlung.
IV. Amnionmembran als Nische für Stammzellen des Öberflächenepithels
- Amnionmembran unterstützt die Züchtung und Expansion
von limbalen und konjunktivalen Stammzellen. Diese werden dann zur
Rekonstruktion der Augenoberfläche bei Stammzellinsuffizienz
eingesetzt.
V. Immunologisches Privileg der Amnionmembran
- Klinisch wird selten eine klassische Abstoßungsreaktion
beobachtet, weshalb sich die Amnionmembran besonders gut für
die Rekonstruktion der Augenoberfläche eignet.
- Es werden keine der gängigen Major-Histokompatibilitätskomplexe
(MHC-Proteine, HLA -A, -B, -DR) gebildet.
Indikationen zur Amnionmembrantransplantation
I. Amnionmembran temporär als "natürlicher Verband
(Patch)"
- Die Amnionmembran als "Patch" fördert die Wundheilung.
- Die Wirtszellen wachsen unterhalb der Amnionmembran.
- Die Amnionmembran löst sich auf, wenn die Entzündung
abklingt bzw. wenn der Wundheilungsprozeß abgeschlossen
ist.
- Akute Verätzungen (Abb. 6)
- Akute Verbrennungen
- Akutes Steven Johnson Syndrom und Toxische Epidermale Nekrolyse
- Bei akuten Keratitiden
- Herpes Zoster Keratitis
- Herpes Simplex Keratitis
- Keratokonjunktivitis vernalis mit Schildulkus
- Vermeidung von Hornhautnarbenbildung nach Excimerlaserbehandlung
(PRK, PTK)
Abb. 6a Verätzung Grad 3 vor der Behandlung
Abb.6b Sechs Monate nach Amnionmembran
II. Amnionmembran als permanenter Basalmembranersatz
- Die Amnionmembran wird als Ersatz für fehlende oder
geschädigte Basalmembranen der Horn- oder Bindehaut eingesetzt.
- Die Wirtszellen wachsen auf der Amnionmembran, die dann in
das Wirtsgewebe integriert wird. Die Amnionmembran wird ein- oder
mehrlagig verwandt.
Bei Hornhauterkrankungen
- Persistierende Epitheldefekte mit (Abb.7) und ohne Geschwürsbildung
- Neurotrophisch
- Postinfektiös
- Postoperativ
- Kleinere Hornhautperforationen
- Schmerzhafte bullöse Keratopathie
- Tumore
- Bandkeratopathie
Bei Bindehauterkrankungen
- Pterygium
- Defektdeckung nach Entfernen von Bindehauttumoren
- Lösen und Decken von Bindehautnarben
- Rekonstruktion der Umschlagsfalten
- Conjunctivochalasis (Lidkanten-parallele Bindehautfalten)
- Zur Behandlung von Skleraverdünnungen
- Als Substrat bei Filterkissenrevisionen
Abb. 7a Hornhautgeschwür
Abb. 7b Zehn Tage nach Amnionmembran
Abb. 7c Sechs Monate nach Amnionmembran mit
deutlichen Gewinn an Sehvermögen
III. Amnionmembran als Substrat und Carrier für gezüchtete Stammzellen des Limbus
- Die Expansion bzw. Züchtung der Stammzellen zur Behandlung der kompletten Stammzellinsuffizienz des Limbus erfolgt auf Amnionmembran. Die Amnionmembran dient ferner als Carrier bei der Rekonstruktion der Augenoberfläche.
Anschrift des Verfassers:
Prof. Dr. med. Daniel Meller, FEBO
Zentrum für Augenheilkunde
Abteilung für Erkrankungen des vorderen Augenabschnittes
Universitätskklinikum Essen
Hufelandstr. 55
45122 Essen
Email: daniel.meller@uk-essen.de
Tel: 0201 - 723 - 2931
Fax: 0201 - 723 - 5979
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